„Was übrig bleibt …“ von Scham und Armut

Institut für deutsche Sprache und Literatur

„Was übrig bleibt …“ von Scham und Armut autofiktionale Kindheit und Jugend erzählende Gegenwartsliteratur

Prof. Dr. Caroline Roeder

R. Hiller

„Vier- und fünfköpfige Familien hausen in zwölf Quadratmeter großen Zimmern“
-Lena Gorelik / Wer wir sind“

In aktuellen Texten deutschsprachiger Gegenwartsliteratur kommt Scham und Armut eine zentrale Rolle zu. Scham erscheint in verschiedenen Ausdifferenzierungen, immer aber auch als soziale Gestalt. Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ (2009, dt. 2016) wird oft als der Text benannt, der auf dem Buchmarkt diese Entwicklung initiierte; wesentlich ebenso die Lebensreflexionen Annie Ernauxs.

Die Literaturnobelpreisträgerin rekonstruiert in ihren Texten die eigene Herkunftsgeschichte, bezieht wesentlich Kindheit und Jugend in diese Erzählung des Selbst mit ein.

Der Vortrag skizziert eine Geschichte der (literarisch gefassten) Scham und führt bei dieser Spurensuche zu post-migrantischen Texten. Die hier aufzuspürenden „Lebenslagen“ (Butterwegge 2021) berichten eindrücklich davon: „Was übrig bleibt vom Stacheldrahtzaun, von dem Mädchen, vom Gestank im Wohnheim, der sich in uns frisst, was übrig bleibt von dieser Mischung aus Bratfett, Verzweiflung, Schimmel und Angst, das ist die Scham.“
(Lena Gorelik: Wer wir sind. Berlin 2021, S. 144)